Fundstück der Woche 03-2017

"Eine vergessene Gedenktafel", 1928


Das Fundstück der Woche 03/2017 ist ein Zeitungsartikel vom Koblenzer Stadtarchivar Dr. Hans Bellinghausen aus dem Koblenzer Heimatblatt vom 21. April 1928. Er gibt darin den Text einer Gedenktafel für den Oberleutnant Heinrich Lommatzsch wieder, der bei der "Erstürmung der Düppeler Schanzen" im Deutsch-Dänischen Krieg starb. Die Tafel befand sich 1928 noch in einem kleinen Wachlokal am Eingang in den Poternenvorhof der Feste Kaiser Franz (siehe auch den dazugehörigen Beitrag in unserer Festschrift, S. 104f.).

Heinrich Lommatzsch (*29.05.1837),(1) ein Enkel des Theologen Friedrich Schleiermacher,(2) war 1862 als Seconde-Leutnant vom Magdeburger Pionier-Bat. (Nr. 4) zum Fortifikations-Dienst nach Koblenz versetzt worden.(3) Hier wirkte er als junger Ingenieur u.a. an der Erweiterung des Kriegspulvermagazins unter dem Reduithof der Feste Kaiser Franz mit.(4) Am 1. Dezember 1863 wurde Lommatzsch in Koblenz zum Premier-Leutnant (Oberleutnant) befördert.(5)

Im Deutsch-Dänischen Krieg diente Heinrich Lommatzsch in der 4. Kompagnie des Westphälischen Pionier-Bataillons Nr. 7. Bei dem Sturm auf die Schanze V bei Düppel am 18. April 1864, in dem er eine halbe Kompagnie Pioniere befehligte, starb er bereits in den ersten Minuten durch einen einzelnen Schuss in die rechte Brust.(6) Im ersten Band seiner "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" schreibt Theodor Fontane über den Angriff:

"Alle stiegen mit dem Glockenschlag zehn rasch hintereinander aus der dritten Parallele hervor und avancierten in drei Linien. Die Compagnien von Sellin und von Goerschen, und ihnen vorauf die halbe Pioniercompagnie unter Premierlieutenant Lommatzsch, hatten nach drei Minuten schon den Graben in Front der Schanze erreicht. Hier aber geboten die Palisaden Halt. Es galt, dieses Hindernisses Herr zu werden. Mancher überkletterte die Pfähle, die meisten aber stemmten sich dagegen und wuchteten sie heraus, wodurch Lücken entstanden, die nun den Stürmenden den Weg auf die Brustwehr öffneten. [...] Mancher fiel. Premierlieutenant Lommatzsch, an der Spitze seiner Pioniere, erhielt einen tödlichen Schuß, Lieutenant von Falkenstein, vom 24., wurde schwer verwundet, aber schon sechs Minuten nach zehn Uhr war Schanze V in der Front erobert."(7)

Heinrich Lommatzsch wurde nach Berlin zurückgebracht und dort auf dem Friedhof Dreifaltigkeit II begraben, wo sein Grabmal noch heute existiert.(8) Seine Offizierskameraden der 3. Ingenieurs-Inspektion schalteten am 23. April 1864 eine Todesanzeige zu seinem Gedenken in der Coblenzer Zeitung. Möglicherweise waren sie es auch, die die eingangs erwähnte Gedenkplatte zu Ehren des mit 27 Jahren gefallenen Ingenieuroffiziers stifteten und an der Feste Kaiser Franz anbringen ließen.

Todesanzeige in der Coblenzer Zeitung,
23. April 1864. Quelle: Stadtarchiv Koblenz

1928 berichtete nun Dr. Hans Bellinghausen im Koblenzer Heimatblatt über diese Gedenkplatte, er schreibt:

"Eine vergessene Gedenktafel
befindet sich in der Vorhalle des ehemaligen Wachlokales an der Auffahrt zur Feste Franz in Koblenz-Lützel, die aufgrund der Bestimmungen von Versailles entfestigt und zum Teil abgerissen wurde, so daß das gesamte frühere Festungsgelände heutzutage einen recht verwahrlosten und ruinenhaften Eindruck macht. Die Inschrift der Tafel, die sich in der Wand des schon halb zerstörten Bauwerks befindet und die demnächst wohl auch der Vernichtung anheimfallen dürfte, lautet:

Vom Bau auf Feste Franz nach Schleswig berufen
Fand der Premier-Lieutnant des Ingenieur-Corps
Heinrich Lommatzsch
am 18. April 1864
Den Heldentod beim Sturm der Düppeler Schanzen.
Er lebt fort im Gedächtnis seiner Cameraden!

Wenige Tage nachdem der Artikel im Koblenzer Heimatblatt erschienen war, erreichte Bellinghausen ein Brief von Hauptmann a.D. Wagner, ehemals Mitarbeiter des Koblenzer Entfestigungsamts und in dieser Funktion auch Beteiligter an der Entfestigung der Feste Kaiser Franz. Er schreibt am 24. April 1928:

Sehr geehrter Herr Doktor!

Zu dem im Koblenzer Heimatblatt am 21. D. erschienenen Artikel "Eine vergessene Gedenktafel" gestatte ich mir, darauf aufmerksam zu machen, daß diese Tafel ursprünglich nicht an dieser Stelle angebracht war. Bei der Entfestigung der Feste Kaiser Franz im Jahre 1921 fand sie sich in einem abzutragenden Wall. Um sie nicht umkommen zu lassen, habe ich sie an die jetzige Stelle bringen lassen.
Es dürfte sie interessieren, zu erfahren, dass bei Auflösung des Entfestigungsamtes, das Nachfolgerin der früheren Fortifikation Koblenz war, eine in ihren Beständen vorhandene Totenmaske unter Glas des Prem.-Lieutnants Lommatzsch an den Herrn Direktor des Schloßmuseums abgegeben worden ist. Was damit geschehen ist, ist nicht bekannt, jedenfalls habe ich sie bei einer Besichtigung des Museums im vorigen Jahre nicht wieder gesehen.

Fr. Wagner
Hauptmann A.D.
(9)

Über den Verbleib der Totenmaske und der Gedenktafel ist nichts bekannt. Die Tafel wurde 1936 an der Feste Franz abmontiert und im Lützeler Volkspark am ehemaligen Reduit der Bubenheimer Flesche, das ab 1937 die Parkwirtschaft beherbergte, wieder angebracht. Mit dem Abriss des Reduits im Sommer 1969 muss sie als verschollen gelten.

Matthias Kellermann


Koblenzer Heimatblatt Nr. 16, 21.04.1928, S. 3: "Eine vergessene Gedenktafel" von Dr. Hans Bellinghausen.



Anmerkungen
(1) Vgl. Klaus-Henning von Krosigk: Heinrich Lommatzsch, hier abgerufen am 15.01.2017.
(2) Vgl. Der Tagesspiegel, 18.07.2011: Die rebellische Muse von Michael Zajonz, hier abgerufen am 15.01.1017.
(3) Vgl. Rang- und Quartierliste der Königlich Preußischen Armee, Jahrgang 1860, S. 264 und Jahrgang 1862, S. 280.
(4) Vgl. Stadtarchiv Koblenz DB8 Militär, Verschiedenes und Sonstiges: Alphabetische Liste der in Koblenz beschäftigten preuß. Ingenieroffiziere 1815 - 1914, Eintrag zu Heinrich Lommatzsch, "Entwurf zum Umbau des Kriegs-Pulver-Magazins unter dem Reduit Hof des Kernwerks Franz, 1862" (GStA PK F 70479). Siehe auch Bliß, Winfried: Die Festungspläne des preußischen Kriegsministeriums. Ein Inventar, Köln Weimar Wien 2008, S. 423 (Veröffentlichungen aus den Archiven preußischer Kulturbesitz Band 59,1).
(5) Vgl. Militär-Wochenblatt Nr. 50, 12.12.1863, S. 315.
(6) Vgl. Verlustlisten in: Beilage zu Militär-Wochenblatt Nr. 20, 14.05.1864, S. 42.
(7) Theodor Fontane: Wanderungen durch die Mark Brandenburg, 1. Die Grafschaft Ruppin. Das 24. Regiment im Kriege gegen Dänemark 1864, hier abgerufen am 14.01.2017.
(8) Siehe Berliner Grabmale retten, abgerufen am 14.01.2017.
(9) Stadtarchiv Koblenz Bestand S 32 Nr. 36 Feste Kaiser Franz: Handschriftlicher Brief Fr. Wagner, 24.04.1928.



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