Fundstück der Woche 10/2017

Die Eroberung der Stadt Koblenz durch General Marceau, 1794


Die Fundstücke der Woche 10/2017 beschäftigen sich mit der Eroberung der Stadt Koblenz durch den französischen General François Séverin Desgraviers-Marceau (1769-1796) am 23. Oktober 1794. Nach dem Scheitern des Feldzuges im Sommer 1792 hatten sich die Koalitionstruppen eilends nach Koblenz zurückgezogen, da ein Vorstoß französischer Einheiten an den Rhein befürchtet wurde. Dieser blieb letztendlich aber aus. Im Herbst 1794 war es dann aber soweit: Von Bonn kommend ging ein ca. 5 000 bis 8 000 Mann starkes Heer unter General Marceau gegen Koblenz vor. Hier waren zwar etwa 20 000 bis 30 000 Soldaten unter General Michael von Melas (1729-1806) zur Verteidigung der Stadt aufgeboten, waren die Schanzen auf dem Petersberg instandgesetzt und verstärkt worden. Allein der Wille zur Konfrontation war trotz der Überlegenheit anscheinend gering.

"'Mit Behauptung der hiesigen Position,' schreibt Weckbecker, 'war es offenbar von Anfang an kein Ernst. Da man weder die wahre Stellung des Feindes noch seine Stärke zu erfahren zweckmäßige Mittel ergriff, man defilirte [sic!] dann ruhig über den Rhein, ließ alle mit so vieler Mühe und so großen Kosten errichtete Batterien im Stiche und nahm dem armen Landmanne noch alles, was er hatte, weg; das ist in Kurzem der Operationsplan des Melas’schen Corps […].' Jede Hoffnung war nun vorbei."(1)

Am 22. Oktober gegen 16.00 Uhr kam es zunächst am Bubenheimer Berg zu einem kleineren Gefecht zwischen französischen und deutschen Einheiten, das letztere für sich entscheiden konnten. Trotz ihrer Niederlage hatten die republikanischen Truppen einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

"Von den Gefangenen, welche die Kaiserlichen einbrachten, erfuhr man, dass der kommandierende General der Avantgarde selbst in ihrer Mitte gewesen wäre, um die Gegend zu recognosziren, dass er sich Marceau nennte und dass er gesonnen wäre, am folgenden Tage, nämlich heute, die Stadt anzugreifen.“(2)

Einerseits in gespannter Ruhe ob der Ankündigung der französischen Gefangenen, andererseits beunruhigt durch die eigenen Truppenbewegungen über den Rhein, erwartete ganz Koblenz den unausweichlichen Angriff der Franzosen.

Weit und breit herrschte eine fürchterliche Stille. Weder auf dem Felde noch auf den sonst lebhaften Landstrassen wurde man eines lebenden Wesens gewahr. Die Kaiserlichen Batterien fand ich äusserst schwach besetzt und das ganze Geschütz, welches ich darin entdecken konnte, bestand in zwey Sechspfündigen und einer dreipfündigen Kanone. Mörser sah man nicht einen einzigen.“(3)

Dann, kurz nach zehn Uhr vormittags am 23. Oktober, verbreitete sich wie ein Lauffeuer die Nachricht von der Ankunft der französischen Truppen. Noch vor Beginn der Kampfhandlungen forderte Marceau die Stadt zur Kapitulation auf, was die Verteidiger unter General Melas jedoch zurückwiesen. Nachdem eine Artilleriestellung beim Schloss Schönbornslust innerhalb kürzester Zeit gefallen war, erschienen die Angreifer auf der Ebene vor dem Petersberg.(4) Da sich eine offene Feldschlacht nicht erzwingen ließ, griffen die französischen Soldaten die erste Schanze frontal an.

N’y pouvant réussir, il fait sonner la charge; ni la mitraille, ni les balles n’arrêtent les soldats; ils escaladent les retranchements, ils entrent dans les redoutes et ils passent à la baionnette tout ce qu’ils y trouvent.

Nachdem er damit keinen Erfolg hatte, ließ er zum Angriff blasen; weder Kartätschen noch Kugeln hielten die Soldaten auf; sie erklommen die Verschanzungen, betraten die Redouten und töteten mit dem Bajonett alles, was sie dort vorfanden.“(5)

Bald nachdem sie ihre erste Salve abgegeben hatten, zogen sich die Verteidiger angesichts der weiter heranstürmenden Reiter rückwärts in die zweite Schanze zurück, von wo aus sie wenig später in die Batteriekette auf dem Petersberg flohen. Das Eis war gebrochen. Bemerkend, dass die Front der Verteidiger sich in panischer Auflösung befand, umging die französische Kavallerie die Batterien auf dem Petersberg in einer Zangenbewegung.

So sprengte ihr rechter Flügel über Hecken und Sträuche den Berg längst dem linken Ufer der Mosel hinunter bis an die steinerne Brücke. Im nämlichen Augenblicke setzte zugleich auch ihr linker Flügel, der an dem Eingange in die Schönbornsluster Allee gehalten hatte, mit verhängtem Zügel über die Köllnische Landstrasse zwischen den Batterien von beiden Seiten durch, und erreichte gleichfalls von dorther die steinerne Brücke.“(6)

Derart umzingelt, feuerten die letzten deutschen Soldaten noch eine Artilleriesalve und suchten schließlich ihr Heil in der Flucht.

Auch hier erfolgten einige Dechargen aus den Batteriegeschützen, und dann lief Alles, was laufen konnte, zur Moselbrücke und in die Stadt."(7)

Marceau selbst schrieb noch am gleichen Tag über seinen „kühnen Streich“ in einem Brief an General Jean-Baptiste Jourdan (1762-1833).

Alors s’est engagée une canonnade assez vive de part et d’autre, mais qui a été de peu de durée, notre cavalerie ayant, par un coup hardi, tourné les retranchements et par conséquent forcé l’ennemi à fuir dans la ville.

Nun begann von beiden Seiten eine recht lebendige Kanonade, die aber nur von kurzer Dauer war, da unsere Kavallerie mit einem kühnen Streich die Verschanzungen umgangen hat und somit den Feind zwang, in die Stadt zu fliehen.“(8)

Das daraufhin einsetzende Artilleriefeuer aus der Stadt und von der Festung Ehrenbreitstein blieb größtenteils wirkungslos und hinderte die Franzosen nicht daran, in den Schanzen ihrerseits Kanonen aufzustellen und die Kanonade zu erwidern. Bereits gegen 13.00 Uhr verstummten die Geschütze. Wenig später wurde auf der Moselbrücke eine weiße Fahne gehisst und noch am gleichen Abend ergab sich Koblenz dem französischen kommandierenden General Marceau. Die Verschanzungen auf dem Petersberg hatten ihren Zweck nicht erfüllt und waren binnen kürzester Zeit bei hohen Verlusten (Tote, Verletzte und Gefangene) auf Seiten der Verteidiger überrannt worden.

Les Autrichiens abandonnèrent leur position dans le plus désordre, […] en laissant un grand nombre de morts et de blessés sur le champ de bataille, et environ cinq à six cents prisonniers dans les mains des Français.

Die Österreicher gaben ihre Position in größter Unordnung auf, [...] eine große Anzahl Toter und Verwundeter auf dem Schlachtfeld und etwa fünf- bis sechshundert Gefangene in den Händen der Franzosen zurücklassend.“(9)

Für Koblenz begann die Zeit der französischen Besatzung, nach dem Anschluss an Frankreich wurde die Stadt Hauptstadt des Departements Rhin-et-Moselle. General Marceau kämpfte weiter, zunächst erfolglos bei der Belagerung der Festung Ehrenbreitstein, später erfolgreicher in u.a. in Mainz, Limburg, Frankfurt, bevor er am 19. September 1796 bei Höchstenbach im Westerwald tödlich verletzt wurde. Seine Leiche wurde nach Koblenz überführt und auf dem Petersberg begraben.

Matthias Kellermann


Literatur
(Links sind fett gedruckt)

Beauvais, Charles-Théodore, Jacques-Philippe Voiart, Ambroise Tardieu: Victoires, conquêtes, désastres, revers et guerres civiles des Français, de 1792 à 1815, Tome 3, Paris 1817.

Bigot, Charles: Gloires et souvenirs militaires d’après les mémoires du cannonier Bricard, du maréchal Bugeaud, du capitaine Coignet, d’Amédée Delorme, du Timonier Ducor, du général Ducrot, de Maurice Dupin, du lieutnant général Duc de Fezensac, du sergent Fricasse, de l’abbé Lanusse, du maréchal Marmont duc de Raguse, de Charles Mismer, du colonel de Montagnac, de Napoléon Ier, du maréchal de Saint-Arnaud, du comte Philippe de Ségur, du général de Sonis, du colonel Vigo-Roussillon, cinquième édition, Paris 1900.

Desprez, Claude: Kléber et Marceau, Paris 1857.

Dominicus, Alexander: Coblenz unter dem letzten Kurfürsten von Trier Clemens Wenzeslaus 1768 bis 1794, Koblenz 1869.

Unpartheyische Geschichte des Aufenthalts der Fraenkischen Bürger im Kurfürstenthume Trier, vorzüglich in der Residenz-Stadt Coblenz, mit Actenstücken. Erstes Heft, Koblenz 1795.
(Der Band ist im Besitz der Stadtbibliothek Koblenz, Anm. d. Verf.)


Anmerkungen

(1) Dominicus, S. 234.
(2) Unpartheyische Geschichte, S. 56.
(3) Ebenda, S. 57.
(4) Ebenda, S. 58 und Dominicus, S. 234f.
(5) Desprez, Claude: Kléber et Marceau, Paris 1857, S. 138. Übersetzung M. Kellermann und Jean-Noel Charon.
(6) Unpartheyische Geschichte, S. 61.
(7) Dominicus, Coblenz, S. 235.
(8) Bigot, Charles, S. 20: Brief Marceaus an Jourdan, 23.10.1794. Übersetzung M. Kellermann.
(9) Beauvais, Victoires, S. 194. Übersetzung M. Kellermann.




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