Fundstück der Woche 12/2017

Die verlorene Asche des Generals Marceau, 1804


Die Fundstücke der Woche 12/2017 spüren der Frage nach, was mit der Asche des französischen Generals François Séverin Desgraviers-Marceau (1769-1796), des Eroberers der Stadt Koblenz, geschah. Marceau war am 21. September 1796 in Altenkirchen verstorben und kurz darauf nach Koblenz zurückgebracht worden, wo er auf dem Petersberg seine letzte Ruhe fand.

"Die Beerdigung fand unter großer militärischer Feierlichkeit statt. Als General Kleber bald darauf nach Coblenz kam, äußerte er zu einigen Generälen: 'Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß der Leib eines Helden den Würmern zur Speise dienen soll. Wäre ich damals hier gewesen, ich hätte die Leiche verbrennen lassen.' Diese Worte fielen auf fruchtbaren Boden."(1)

Tatsächlich wurden Marceaus sterblichen Überreste am 23. September 1797 exhumiert, verbrannt und zwei Tage später in einer Urne aus weißem Marmor(2) in einer eigens für ihn errichteten Steinpyramide erneut beigesetzt.

"Ein Jahr später ließ Marceau's Nachfolger, General Hardy, die Leiche ausgraben, in einen eisernen Sarg legen und auf hohem Scheiterhaufen verbrennen, wobei die ganze Garnison in Waffen zugegen war. Die Asche nebst Knochenresten wurde in eine kupferne Urne gelegt - mit der Inschrift: Hic cineres, ubique nomen. (Hier ruht die Asche des Verstorbenen, sein Name aber lebt überall fort)."(3)

In einem neuen, steinernen Grabmal auf der Erhebung des Petersbergs nahe Koblenz ruhte fortan Marceaus Asche, wie schon Lord Byron in seinem berühmten Werk Childe Harold’s Pilgrimage von 1812 berichtet.

"By Coblentz, on a rise of gentle ground,
There is a small and simple pyramid,
Crowning the summit of of the verdant mound;
Beneath its base are heroes' ashes hid,
our enemy's, - but let not that forbid
Honor to Marceau! o'er whose early tomb
Tears, big tears, gush'd from the rough soldier's lid,
Lamenting and yet envying such a doom,
Falling for France, whose rights he battled to resume.
"(4)

Die steinerne Pyramide (siehe Abbildung hier), ein Werk des Architekten Peter Joseph Krahe, musste im Frühjahr 1818 dem preußischen Festungsbau, genauer dem Bau der Bubenheimer Flesche am nördlichsten Ausläufer des Petersbergs, weichen.(5)

"Das Denkmal, eine schöne abgestupfte 20 Fuß hohe Pyramide, sich über einem Sarkophag erhebend, stand auf einer Stelle, wo es bei der neuen Befestigung hinderlich war, und wurde auseinander genommen. Fast alle Zeitungen, Journale und Zeitschriften fingen bei dieser Gelegenheit an über Vandalismus zu schreien, ohne die Nothwendigkeit des Abreißens in Erwägung zu ziehen ..."(6)

Bei dem Abriss kam es Christian von Stramberg zufolge nun zu einem folgenschweren Zwischenfall, der den Verlust der Asche des Generals Marceau nach sich zog.

"Eines nur konnte der hochherzige Monarch [Friedrich Wilhelm III., Anm. d. Verf.] nicht ungeschehen machen, und wird er wohl auch niemalen von der Sache gehört haben, da das Vergehen zu sehr verwandt mit abergläubischen Begriffen, um von den aufgeklärten Correspondenten der Rheinischen Blätter besprochen zu werden. Dem Abbrechen der Pyramide beizuwohnen, hatte die Gassenjugend nicht verfehlt, der Inhalt der Urne war ihre Beute geworden, und mit Marceaus gerösteten Gebeinen warfen sich die Buben, die Asche verwehte der Wind. Also wurde beachtet das bescheidene Gesuch der Grabschrift:
Qui que tu sois,
Ami ou ennemi,
De ce jeune héros
Respecte les cendres.
"(7)

Diese Anekdote Christian von Strambergs hat sich vermutlich so nicht zugetragen, enthält aber einen wahren Kern. Bereits 1804 hatten Grabräuber die Pyramide geöffnet und die Urne Marceaus nach Wertgegenständen durchsucht, wobei die Asche verstreut wurde. Auch wenn Napoleon höchst persönlich verfügte, dass die Asche eingesammelt und in die Urne zurückgelegt werden sollte, darf bezweifelt werden, dass noch viel davon übrig war. Immerhin wurde bereits 1798 ein Teil der Asche aus der Urne entnommen und an die Schwester Marceaus übergeben, die hiervon wiederum mehrere Portionen weiter verteilte. Ihr Anteil befindet sich seit 1889 im Panthéon in Paris.(8)

"Cependant, en juin 1804, des profanateurs s'étaient introduits dans le tombeau de Marceau par une ouverture masquée en partie par des ornements en plâtre qu'il leur avait été facile de démolir. L'urne contenant les cendres fut ouverte et renversée dans le but supposé d'y trouver quelques objets de valeur. Cet acte scandaleux provoqua une grande émotion, même dans la population de Coblence, et beaucoup de remue-ménage dans l'administration, qui était maintenant impériale puisque la proclamation de l'Empire avait eu lieu officiellement le 18 mai précédent. Le coupables ne furent point découverts et l'affaire se termina sur la décision prise par Sa Majesté l'Empereur "que les cendres glorieuses du général Marceau seraient recueillies avec soin (!), que le mausolée serait restauré et qu'elles y seraient ensuite rétablies avec la pompe convenable". L'ouverture du monument fut alors masquée par une porte pleine ornée d'un bas-relief représentant un lion accroupi, mais on se doute bien que l'urne qui y fut renfermée ne contenait plus grand-chose des restes du brave Marceau."(9)

Dem Koblenzer Stadtarchivar Hans Bellinghausen zufolge kehrte die Urne auch nicht mehr in die Pyramide zurück. Stattdessen hatte Präfekt Chabau das Gefäß in die Präfektur übernommen, von wo es später in das Armeemuseum nach Paris überführt wurde.

"Um zu verhüten, dass die Urne gestohlen würde, wurde sie später von dem französischen Stadtpräfekten Chabau aus dem Grabmal herausgenommen und in der Präfektur zu Coblenz aufbewahrt. (Chabaus Bericht vom 22. Juni 1804 an das Ministerium zu Paris lautet: ‚J’ai fait en lever l’urne déposer à la Préfecture en attendant que j’ai fait réparer le tombeau et fermer l’ouverture pour prévenir le renouvellement d’un attentat pareil à celui-ci, qui me parait n’avoir au lieu que dans l’espoir d’y trouver des pièces d’argent ou autre choses de quelque valeur.’)"(10)

Beim Abbruch der Pyramide 1818 befand sich die Urne General Marceaus also schon nicht mehr in dem Grabmal. Aufgerüttelt von den öffentlichen Protesten, verfügte der preußische König Friedrich Wilhelm III. schließlich, dass das Monument am Fuß des Petersbergs wieder aufgebaut wird. Da angeblich schon Steine zum Bau des Festungswerks verwendet worden waren, geriet das Grabmal am neuen Standort etwas kleiner als zuvor. Ein humorvoller Kommentar zu dem positiven Ergebnis der Proteste aus der rheinischen Bevölkerung findet sich bei Rudolph Eickemeyer, der bereits 1820 schrieb:

"Im Anfange des Jahres 1819 zerstörten die Preußen das auf dem Petersberg bei Koblenz dem französischen General Marceau errichtete Denkmal unter dem Vorgeben, daß es der Befestigung hinderlich sey. Diese Handlung erregte nicht nur den Unwillen der Rheinländer - sondern wurde auch in mehreren öffentlichen Blättern gerügt, und Marceau erhielt nun ein anderes dem Ersten ähnliches Denkmal, aber ohne Inschrift. Einem Fremden, der hierüber seine Bemerkung machte, antwortete ein preußischer Officier: "und was würden Sie wohl darauf setzen? Sieg der öffentlichen Meinung, versetzte jener."(11)

Matthias Kellermann


Quellen

Stadtarchiv Koblenz (StAK)
- Bestand 623 Nr. 11184
- Bestand 623 Nr. 998
- Coblenzer Zeitung Nr. 268 (Morgen-Ausgabe), 13.11.1885


Literatur
(Links sind fett gedruckt)

Cölln, Fr. W. v.: Taschenbuch zum Nutzen und Vergnügen für Rheinreisende, Koblenz 1821.

Eickemeyer, Rudolph: Ueber den Sittlichen- und Kunstwert öffentlicher Denkmäler, Leipzig 1820.

Lord Byron: Childe Harold’s Pilgrimage, New York 1880.

Joly, Roger: Marceau, La Chapelle-Monteligeon (Orne) 1969.

Rudersdorf, Jochem: General Marceau, die Blockade von Mainz und sein früher Tod 1796, in: Nassauische Annalen 108, 1994.

Stramberg, Christian von: Denkwürdiger und nützlicher Rheinischer Antiquarius, 1. Abteilung 1. Band, Koblenz 1851.


Anmerkungen

(1) Coblenzer Zeitung Nr. 268 (Morgen-Ausgabe), 13.11.1885: Locales. Coblenz, 12. Nov.
(2) Vgl. Joly, S. 103 ("marbre blanc"), sowie die Abbildung der Urne bei Rudersdorf, S. 248. Schreiber gibt an, dass die Urne aus schwarzem Marmor gefertigt war (vgl. Schreiber, S. 238 ("marbre noir")).
(3) Coblenzer Zeitung Nr. 268.
(4) Lord Byron, S. 149.
(5) Zur Angabe des Zeitpunkts vgl. StAK Bestand 623 Nr. 998, S. 410.
(6) Stramberg, S. 315.
(7) Cölln, S. 132.
(8) Rudersdorf, S. 248.
(9) Joly, S. 104.
(10) StAK Bestand 623 Nr. 11184: Anlage I zum Schreiben an die französische Militärmission vom 24.02.1919, aus: Dr. Bellinghausen, Rückblick auf die Vergangenheit von Coblenz-Lützel.
(11) Eickemeyer, S. 15f.









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