Fundstück der Woche 13/2017

Ein Bombentreffer in die Kommunikation zur Moselflesche, 28.12.1944


Die Fundstücke der Woche 13/2017 sind mehrere Zeitzeugenberichte zur Tragödie, die sich am 28. Dezember 1944 in der ehemaligen Kommunikation zwischen der Feste Kaiser Franz und der Moselflesche zugetragen hat. Beide Werke waren durch einen unterirdischen Hohlgang, der sogenannten Kommunikation, miteinander verbunden. Da der Gang in den Entfestigungsakten aus den 1920er-Jahren nicht mehr auftaucht, war er vermutlich beim Abriss der Moselflesche 1903 vermauert worden und geriet in Vergessenheit. Wohl 1939 wurde der Gang von Hans Joachim Krug wieder entdeckt und erkundet.

"Als das Loch für mich groß genug war, wurde ich an einem langen Seil in das Verlies hinab gelassen. Mit der Taschenlampe stellte ich fest, dass es sich um einen alten Festungstollen handelte, der zum Langemarckplatz hin führte. Halbwegs dorthin war der Gang durch Schutt versperrt."

Die Luftschutzleitung von Koblenz ließ den wiederentdeckten Hohlgang zu einem Luftschutzkeller ausbauen. Dabei wurde der Gang am Langemarckplatz von oben zugänglich gemacht und in zwei separate Bereiche unterteilt.

"Der Stollen kam von der Feste Kaiser Franz, kreuzte den Langemarckplatz und führte zur Moselflesche. Auf der Ostseite des Langemarckplatzes wurde ein Eingangsbauwerk mit Treppe zum Stollen gebaut. Auf der Stollensohle wurden nach links zur Feste Kaiser Franz und nach rechts zur Kaserne schwere Panzertüren eingebaut, um die Insassen besser zu schützen."(1)

Diese Nutzung des Stollens zu Luftschutzzwecken war an der Feste Franz kein Einzelfall. Auch die nach den Sprengarbeiten übrig gebliebenen Abschnitte der Kommunikation zwischen der Feste Kaiser Franz und der Bubenheimer Flesche wurden von oben durch Treppenanlagen zugänglich gemacht und dienten während der Luftangriffe auf Koblenz als Luftschutzräume.

Verschütteter Aufgang Richtung Bodelschwinghstraße

Auch bei dem Luftalarm am 28. Dezember 1944 suchten die Menschen den Luftschutzraum am Langemarckplatz auf. Um 12.57 Uhr begannen die amerikanischen Bomber vom Typ B-17 ihre Bomben auf Koblenz abzuwerfen. An diesem Tag, dem schwersten Angriff auf die Stadt während des gesamten Zweiten Weltkriegs, fielen insgesamt 1.263,9 Tonnen Sprengkörper auf Koblenz.(2) Eine dieser Bomben traf die ehemalige Kommunikation zur Moselflesche. Die damals siebenjährige Luise Gilles erlebte die Explosion zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Bruder im linken Hohlgang.

"Ich erinnere mich noch gut an einen Bombenangriff Ende Dezember 1944. Wir suchten wieder im linken Bunkerteil Schutz. Plötzlich hörten wir eine gewaltige Explosion, wir spürten den Luftdruck und wurden von Kopf bis Fuß mit Staub eingedeckt. Ein Volltreffer hatte den rechten Stollenteil, der zur Langemarckkaserne führte, getroffen. Es gab viele Tote."(3)

Auch der Niederländer Jan van Spellen, der im benachbarten "Arbeitslager Feste Franz" wohnte, suchte an diesem Mittag die Luftschutzräume am Langemarckplatz auf. Dass er im Eingangsbereich in den Hohlgang noch auf seinen Freund Johan Sell wartete, rettete ihm wohl das Leben.

"Am 28.12.1944 gab es Luftalarm und ich begab mich in den Luftschutzkeller am Rand der Feste Franz. In einem Luftschutzbunker gab es eine Art Vorhalle, wo ein "Gaswächter" saß und darauf achten sollte ob Kampfgas eingesetzt wurde. Ich kannte den Mann ein wenig und begann ein Gespräch mit ihm, während ich auf die Ankunft meines Freundes Johan Sall wartete, der auch immer in diesen Luftschutzkeller kam. Plötzlich gab es eine enorme Explosion und ich wurde durch die noch offen stehende Außentür auf die Straße geschleudert, der Luftschutzkeller hatte einen Volltreffer erhalten und eine Bombe war mitten im Keller detoniert. Ich begriff, dass es mir um Haaresbreite an den Kragen gegangen war und beschloss, zum Lager zurückzugehen."(4)

Johan Sall erreichte den Luftschutzraum am Langemarckplatz nicht mehr rechtzeitig und kam daher erst nach der Explosion am Unglücksort an. In Sorge um seinen Freund Jan van Spellen half er bei der Bergung der Opfer. Dabei boten sich ihm grauenvolle Anblicke.

"Ich war etwas verspätet und kam beim Luftschutzkeller an und hoffte dort meinen Freund Jan van Spellen zu finden. Zu meiner Bestürzung hatte der Bunker ein Volltreffer erhalten. Ich begriff, dass, wenn Jan van Spellen drinnen gewesen war, er verdammt wenig Chancen gehabt hatte, diesen Bombeneinschlag zu überleben. Also begann ich mitzuhelfen, die Opfer nach draussen zu tragen. Die ersten Opfer, die heraus getragen wurden, waren zwar tot, aber noch äußerlich unversehrt. Aber je mehr Opfer wir nach draussen trugen, desto grauenvoller waren sie verstümmelt, wurden sogar einzelne Gliedmaßen nach draussen getragen. Ich war besorgt, ob ich Jan van Spellen oder andere Bekannte unter den Opfern finden würde, und wurde immer ängstlicher, dass er unter den völlig verstümmelten Opfern war. Aber zu meiner großen Erleichterung kam er später angelaufen, ein Zufall hatte ihn gerettet. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass bei diesem Bombentreffer 28 Menschen ums Leben gekommen sind."(5)

Gut 10 Jahre nach dem verhängnisvollen Bombentreffer berichtete Hanns H. Röll in der Zeitung "Rheinpost" sehr eindrücklich über das Unglück vom 28. Dezember 1944.

"Die Menschen, die in dem Langemarck – Bunker zusammenhocken, merken nicht viel von ihrem Schicksal. Plötzlich ist ein Sausen und Rauschen in der Luft, plötzlich kommt das Dröhnen näher. Und ehe sie nur ahnen können, daß die Einschläge über ihnen sind, zerreißt eine fürchterliche Explosion ihr Leben. 42 Tote werden aus den Trümmern und eingestürzten Gängen des unterirdischen Labyrinths geborgen. Auch Frau Vogel und ihre drei Kinder befinden sich unter den Opfern. Viele, viele Menschen sind verletzt worden. Haben Rauchvergiftungen erlitten. Haben in kopfloser Panik versucht, aus dieser Hölle zu entfliehen. Wurden von nachstürzenden Steinbrocken verwundet, erschlagen."(6)

Wie viele Menschen genau bei der Explosion um ihr Leben gekommen waren, wie viele dabei verletzt wurden, wird sich wohl nicht mehr festellen lassen. Johan Sall berichtet von 28 und Hanns H. Röll von 42 Toten, während Helmut Schnatz in seinem umfassenden Werk zu den Luftangriffen auf Koblenz von 35 Todesopfern spricht.(7) Trotz dieser Tragödie nutzten die Menschen mangels Alternativen auch weiterhin die angebotenen Luftschutzräume an der Feste Franz, wenn auch nicht unbedingt die unterirdischen Gänge, wie Luise Gilles berichtet.

"Ab diesem Zwischenfall gingen wir bei Bombenangriffen in die Feste Kaiser Franz, obwohl uns ein Soldat sagte, dass es auch dort nicht bombensicher sei."(8)

Reste der Kommunikation zur Moselflesche wurden 1969 bei der Tieferlegung der B9 wiederentdeckt und beseitigt. Bei Arbeiten im Bereich der erneuerten Vorlandbrücke zur Europabrücke traten 2015 erneut Mauerreste des Hohlgangs zu Tage. Weitere Teile der Anlage sind mit großer Wahrscheinlichkeit im Bereich der ehemaligen Moselflesche (heute WTS) und der Feste Kaiser Franz (Bodelschwinghstraße) erhalten.

Matthias Kellermann


Quellen

Hilversummers voor de "Arbeitseinsatz" in Koblenz, hier abgerufen am 26.03.2017.

Historicum.net: Die Luftangriffe auf Koblenz im Überblick, hier abgerufen am 26.03.2017.

Rheinpost, 17.12.1954, ohne Seitenangabe: Röll, Hanns H.: Als Koblenz brennend unterging.


Literatur

Gückelhorn, Wolfgang: Die Koblenzer Luftschutzbunker im alliierten Bombenhagel. Luftschutzmaßnahmen und -anlagen von Koblenz im Zweiten Weltkrieg und ihre Wirkung, Aachen 2008. ISBN 978-3-938208-82-3.

Schnatz, Helmut: Der Luftkrieg im Raum Koblenz 1944/45. Eine Darstellung seines Verlaufs, seiner Auswirkungen und Hintergründe, Boppard 1981 (Veröffentlichungen der Kommission des Landtages für die Geschichte de Landes Rheinland-Pfalz Band 4).


Anmerkungen

(1) Gückelhorn, S. 123f.
(2) Historicum.net: Die Luftangriffe auf Koblenz im Überblick.
(3) Gückelhorn, S. 124.
(4) Hilversummers voor de "Arbeitseinsatz" in Koblenz, Übersetzung: M. Kellermann.
(5) Ebd.
(6) Röll, Als Koblenz brennend unterging.
(7) Schnatz, S. 426.
(8) Gückelhorn, S. 124.






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