Fundstück der Woche 41/2017

Schüsse auf der Feste Kaiser Franz, 7./8. Juli 1932


Das Fundstück der Woche 41/2017 ist ein Artikel aus der Koblenzer Volks-Zeitung vom 9./10. Juli 1932. In der Nacht vom 7. auf den 8. Juli kam es auf dem Gelände der Feste Kaiser Franz zu einer Auseinandersetzung der Bewohner, in deren Verlauf auch Schüsse fielen.

Die unruhigen Zeiten gegen Ende der Weimarer Republik gingen auch an der Feste Kaiser Franz nicht spurlos vorüber. Ein Großteil der hier wohnenden Familien stand, so berichtete die Koblenzer Volkszeitung im Juli 1932, den Kommunisten nahe, nur vier den Nationalsozialisten. Unter dem Eindruck der alltäglichen Gewalt und der Anfeindungen hatten die Bewohner einen straff organisierten "proletarischen Selbstschutz" gegründet. Da bereits mehrfach Mitglieder der NS-orientierten Familien angegriffen worden waren, wurden diese von SA-Männern auf die Feste begleitet.

Am 7./8. Juli 1932 eskalierte nun die Situation. Auf kommunistischer Seite herrschte die Überzeugung, daß die „Faschisten“ einen Angriff auf die Feste Kaiser Franz planten. Um gewappnet zu sein, hatte der Selbstschutz Wachtposten über das Gelände verteilt. Einen solchen griffen nun Polizisten auf, die kurz nach Mitternacht am 8. Juli zwei Nationalsozialisten zu ihren Häusern begleitet hatten. Auf die Frage, was er um diese Zeit dort zu suchen hatte, antwortete er: „Ich mache hier Jagd auf Faschisten und Wenn du ein Faschist gewesen wärest, hätte ich dich abgekämmt, und zwar ganz alleine.“ Nachdem der Mann in Gewahrsam genommen worden war, kamen sechs bis acht weitere Personen hinzu, die nach Anruf durch die Polizisten ganz unvermittelt das Feuer auf die Beamten eröffneten. Als diese das Feuer erwiderten, zogen sich die Angreifer feuernd auf die Feste zurück. Bei dem Schusswechsel wurde glücklicherweise niemand verletzt.

Die zwischenzeitlich durch einige Beamte verstärkten Polizisten verfolgten die Angreifer bis in den ehemaligen Werkhof der Feste Kaiser Franz. Als die Beamten bis zu den Baracken vorgedrungen waren, stießen sie auf eine Truppe von Leuten, die antifaschistische Abzeichen trugen. Die Polizisten untersuchten die Leute sofort nach Waffen. Inzwischen liefen aber immer mehr Bewohner zusammen; in der Mehrzahl wurden Frauen festgestellt. Sie nahmen eine sehr erregte Haltung ein und forderten mit heftigen Worten die Erschießung sämtlicher Faschisten. Der Führer der ganzen Gruppe gab offen zu, daß er Leiter der Wache sei, und zum Sammeln geblasen habe. Er wisse, dass die Faschisten die Feste Kaiser Franz bestürmen wollten. Aufgrund der unklaren Beweislage und der Unterzahl der Polizisten zogen diese wenig später unverrichteter Dinge wieder ab, um gegen 4.00 Uhr in der Frühe mit einem Großaufgebot von ca. 70 Beamten wieder anzurücken. Obwohl die Polizisten 10 Männer im Alter von 20-30 Jahren festnahmen, steht zu vermuten, dass niemand für den Vorfall zur Rechenschaft gezogen wurde und die Männer bald darauf aus Mangel an Beweisen wieder auf freien Fuß gelangten.

Hier zeigt sich die ganze Hilflosigkeit des Staates, der den Auseinandersetzungen der politischen Extreme wenig entgegen zu setzen hatte. Über weitere Vorfälle dieser Art finden sich allerdings keine Berichte, so dass der vermutete große Angriff der Nationalsozialisten auf die Feste Kaiser Franz wohl ausblieb.

Matthias Kellermann


Quellen

Stadtarchiv Koblenz (StAK)
- Koblenzer Volks-Zeitung Nr. 156, 09./10.07.1932, 1. Seite, 2. Blatt: Feuergefecht auf Feste Franz.




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